Die Palette 1

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Hamburg in den Jahren vor dem Umbruchjahr 1968. Hubert Fichte erzählte in seinem Roman Die Palette episodisch über die Hamburger Gegenkulturszene der Anfang bis Mitte der 1960er Jahre, über die Gammler, Studenten, Aussteiger, Homosexuellen und Verlorenen – oder wie häufig geschrieben wird: über die Beatgeneration. Der Fixpunkt ist die Kneipe Palette, die bis 1966 in der ABC-Straße existierte. Dort, wo heute das Marriot Hotel zu finden ist. Eine Gedenktafel in der ABC-Straße erinnert heute an die Palette und Hubert Fichte.

Gedenktafel in der ABC-Straße

Hubert Fichte schickte, nach seiner Rückkehr aus Schweden und Frankreich, seinen Helden Jäcki auf eine Reise durch die Hamburger Gegenkulturszene, auf der er Menschen traf, kennenlernte, liebte und wieder verließ oder von ihnen verlassen wurde. Er berichtete über den Wandel der Zeit und der Gesellschaft und die langsame Emanzipation der Protagonisten seines Romans. Dabei kann die Palette als Soziotop des Aufbruchs der bundesrepublikanischen Gesellschaft in der Vor-Brandt-Ära gesehen werden – einer Periode, von der Fichte nicht wusste, ob sie die Geburtswehen einer neuen Zeit oder die Wechseljahre der alten Zeit sei.

Der Roman Die Palette als Darstellung der Jugend- und Gegenkultur gilt als Pendant zu Jack Kerouacs On the Road (deutsch: Unterwegs): Aufbruch, Wandel, Bewegung, Drogen. Aber alles ein bisschen langsamer, provinzieller, vertrauter und langsamer als bei Kerouac – und mit weniger Jazz. Über die Art und Bedeutung der Musik in der Palette berichteten Jan Frederik Bandel, Lasse Ole Hempel und Theo Janßen in ihrem Buch Die Palette – revisited. Danach sei Jazz nicht die vorherrschende Musikform gewesen, die in der Palette gespielt wurde.

Als Gegenpol zu der Gegenkultur der frühen und Mitte der 1960er Jahre und Sprachrohr der Mehrheitsgesellschaft fungierten die Medien, u. a. der Springer-Verlag und die ZEIT. Hubert Fichte übte in verschiedenen Passagen des Buches Medienkritik, denen er Gleichförmigkeit vorwarf. Er reflektierte auch den 1964 erschienenen ZEIT-Artikel „Gammeln und jobben“ über die Palette. Von dem es in dem Roman hieß: Das ist alles falsch.

Blick von der ABC-Straße auf die Caffamacherreihe.

Auf der einen Seite war da die räumliche Nähe, insbesondere zum Axel-Springer-Verlagsgebäude. So heißt es in dem Roman: Er sieht die ABCstraße hoch bis zu Axel-Springer. Einige der Palettianer hatten beim Springer-Verlag gearbeitet.

Axel-Springer-Hochhaus, davor Palette.

Auf der anderen Seite existierte eine mentale, geistige Entfernung. Diese Ambivalenz wird deutlich in der Person Werner Hillebrands, eines Teilzeitredakteurs des Hamburger Abendblatts. Dieser pendelte zwischen Palette und Familie, zwischen Lager und Redaktion, also zwischen Prekariat und Festanstellung. Gab’s auch damals bereits.

Was es nicht mehr gibt, ist das alte Axel-Springer-Verlagsgebäude, auf das Jäcki noch blicken konnte. Dort entsteht heute das Axel-Springer-Quartier, wo zukünftig vor allem Büroflächen entstehen. Das denkmalgeschützte Axel-Springer-Hochhaus, bis 1967 Hauptsitz des Verlages, ist zurzeit eingerüstet.

Die Orte und Schauplätze, die Fichte beschrieb, bilden zwei Linien, die sich durch Hamburg ziehen. Zum einen die Route in den Nordwesten Hamburgs, nach Lokstedt, seinem Heimatstadtteil; zum anderen die in den Westen in die Elbchaussee, seinem damaligen Wohnort. Die Erkundigung der Nordwest-Route nach Lokstedt bildet den Auftakt dieses Blog-Beitrags.

Vom Gänsemarkt nach Lokstedt

Ecke ABC-Straße und Gänsemarkt

Der Roman Die Palette beginnt auf dem Gänsemarkt: Jäcki geht über den Gänsemarkt. Von dort war die Palette weniger als 100 Schritte entfernt.

Heute steht dort, an der Ecke ABC-Straße und Neue ABC-Straße, das Marriott-Hotel. Sozusagen: Schlafen statt Schweifen.

Ecke ABC-Straße und Neue ABC-Straße

Fichte beschrieb auf der ersten Seite des Romans den Weg vom Gänsemarkt nach Lokstedt, seinem Heimatstadtteil, wo Großeltern und Mutter lebten. Zwischen der Koppelstraße in Lokstedt gibt es die Haltestellen Stephansplatz, Dammtor, Staatsbibliothek, Rentzelstraße, Schlump, Schlankreye, Eppendorferweg, Heußweg, Methfesselstraße, Eidelstedterweg, Brehmweg – früher Löwenstraße; jetzt hält die Bahn auch am Radrennplatz, Kolonie Maiglöckchen, wo im Krieg die Flak stand. Eine Station nach Koppelstraße – Endstation: Hagenbecks Tierpark. Für diese Fahrt benötigte die damalige Straßenbahnlinie nur 20 Minuten.

Stephansplatz am Sonntagvormittag.

Das Rentzel-Center an der Rentzelstraße, welches in Kürze einer neuen Bebauung weichen wird.

U-Bahn-Station Schlump

Die 1961 erbaute Radrennbahn in der Wolfgang-Meyer-Sportanlage (Stellingen).

Die Kleingartenkolonie Maiglöckchen in Lokstedt – unweit des Hauses von Fichtes Großvater in der Julius-Vosseler-Straße – hatte dem Transvestiten Cartacalo/la als Unterschlupf gedient, bis dieser aus seinem Behelfsheim, Parzelle 237 zwangsgeräumt wurde. Die Kleingartenkolonie liegt heute etwas abseits von der Julius-Vosseler-Straße und umfasst auch nur noch 64 Parzellen.

Kleingartenkolonie Maiglöckchen

An der Endstation der damaligen Straßenbahnlinie 16, Hagenbecks Tierpark, wurde 1966 die U-Bahnstation eröffnet, die heute noch die Besucher des Zoos, die Anwohner oder die Umsteigenden in Richtung Stellingen und Eidelstedt ausspuckt.

Die Zitate entstammen:

Hubert Fichte, Die Palette, Rowohlt-Verlag, Reinbek, 2. Auflage, 1968.

Weitere Quellen:
Jan Frederik Bandel, Lasse Ole Hempel, Theo Janßen: Palette revisited. Eine Kneipe und ein Roman, Nautilus, Hamburg, 1. Auflage, 2005.

Jack Kerouac: Unterwegs, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1998.

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